Bei einer Stressreaktion (z.B. Anblick einer Spinne) wird unser Nervensystem mit Stresshormonen überschwemmt. Es ist eine ähnlich starke Körperwahrnehmung wie beim Schmerz: Muskelgruppen spannen sich an, der Atem wird flach oder stockt, der Kreislauf rast, der Blick wird starr, die Gefäße verändern sich, Magen und Darm scheinen sich zu verkrampfen - so fühlt es sich zumindest an. Ist so ein Schreck für das Nervensystem zu intensiv, entgleist die natürliche Informationsverarbeitung. Der Körper bleibt chronisch erschrocken, obwohl die Gefahr schon längst wieder vorbei ist. Man könnte hier vom Phantomschmerz der Seele sprechen. Jede Emotion kann sich auf diese Weise chronisch verselbständigen, sozusagen zur "neuroapathischen Emotion" werden: Angst, Wut, Rachedurst, Trauer, Ekel oder Scham.

Quelle:
"Think Limbic” Hans-Georg Häusel, Haufe-Verlag München 2002
Aufnahmen der Gehirnfunktion bei Phobie-Betroffenen - also von Menschen, die chronische, heftige Angstreaktionen in Kontakt mit spezifischen Situationen, Gegenständen oder Tieren wie beispielsweise einer Spinne haben, zeigen mit bunten Farben die Aktivitäten des erlebenden und reagierenden Gehirns.
Sie zeigen, dass bei diesen Personen die Amygdala, also die Gehirn-Alarmglocke "schrillt", wenn man ihnen Bilder zeigt, die jeder Mensch als belastend oder ängstigend einstufen würde, wie etwa eine unheimliche Fratze aus einem Horrorfilm. Kurz nach dieser Darbietung "erlischt" die Amygdala jedoch sofort wieder.
Zeigt man ihnen dann aber ein Bild mit dem Thema ihrer Phobie, leuchten die Amygdala und der linke Hippocampus gleichzeitig auf. Der Hippocampus ist eine mit unserem Gedächtnis eng verknüpfte Gehirnregion. Interessanterweise bleibt dieser Gedächtnisspeicher der Gefühle bei den "allgemein schrecklichen" Bildern wie der Horrorfratze quasi stumm. Im Gegensatz dazu haben sich aber bei einer Phobie offensichtlich Alarmglocke und Gefühlsgedächtnis zu einem zu fest vernetzten Team zusammengefunden. Man kann sich nicht mehr an eine Maus erinnern oder diese wahrnehmen, ohne dass nicht auf der Stelle auch die Alarmglocke schrillt und eine Überdosis an Stresshormonen ausgeschüttet wird. Erschwerend kommt hinzu, dass all unsere Sinneswahrnehmungen immer die Amygdala passieren müssen, bevor sie an den sogenannten Cortex, also an unser "Denkhirn" weitergeleitet werden. Dieses Weiterleiten dauert eine halbe bis dreiviertel Sekunde. Deswegen setzt auch jeder Schreck eine halbe bis dreiviertel Sekunde früher als der Verstand ein. Und ist der Schreck einmal gestartet, kann der "klare Verstand" seine klärende Wirkung leider nicht mehr entfalten.
Denn leider leitet zwar die Amygdala an den Cortex weiter, aber umgekehrt lässt sie sich vom Cortex nichts sagen bzw. nur sehr ungern etwas sagen.
Viele dieser Forschungsergebnisse passen interessanterweise auch zu Befunden, die man bei schwer traumatisierten Menschen erheben konnte. Bei Kriegsveteranen oder Menschen mit Gewalt- und Missbrauch-Erlebnissen konnte man beispielsweise eine deutliche Verkleinerung des linken Hippocampus gegenüber nicht traumatisierten Menschen feststellen, als sei dieser Bereich durch die ständige Verbindung mit dem Alarmglockensystem im Laufe der Jahre erschöpft worden. Und außerdem scheint einem schwer traumatisierten Menschen der klare Verstand gar nichts zu nützen: Er hat immer weiter Angst, obwohl er genau weiß, dass er keine Angst mehr zu haben bräuchte.
Diese Informationen bedeuten also, dass es ganz normal ist, wenn Sie nicht aus eigener Kraft über diese Angst hinwegkommen.
Wenn Menschen Ihnen sagen: "Man muss nur wollen, und dann kann man Berge versetzen", ist das so, als würde man sagen: "Man muss nur wollen, und dann schient und gipst sich Ihr angebrochenes Bein ganz von allein."